Woran denkt ihr, wenn ich als erstes einmal den Begriff „Limbo“ in die Runde werfe? Vielen von euch ist wahrscheinlich das Arcade-Spiel in den Sinn gekommen, das vor eineinhalb Jahren auf Xbox Live und vor ein paar Monaten auch auf Steam und fürs Playstation-Network erschienen ist. Doch warum konnte der Titel so viele Spieler in seinen Bann ziehen? Das hat wohl am meisten mit der schönen, Schattenspiel versierten Optik des Spiels zu tun, die es aus der Masse an Schaufelware hervorstechen lässt. Natürlich gibt es noch viele weitere Spiele, die vor allem durch ihr Äußeres bestechen. Doch sollte ein Spiel wirklich als „nur“ ein Kunstwerk vermarktet werden?
Mit der augmentierten Faith auf dem Schattenplaneten
Betrachten wir zunächst einmal ein paar Beispiele. Da wäre etwa noch Insanly Twisted Shadow Planet, welches dieses Jahr im Rahmen des Summer of Arcade auf Xbox Live veröffentlicht wurde. Spielerisch handelt es sich hierbei um einen klassischen Sidescroller, in welchem ihr ein Ufo über e
in paar ausgefallene Planeten steuern und dabei diverse kleinere Rätsel lösen müsst. So ist euer Raumschiff einerseits mit einer Laser-Waffe ausgerüstet, andererseits noch mit einem Scanner, der euch verrät, wie ihr welches Objekt aus dem Weg räumen könnt. Außerdem habt ihr noch einen Greifhaken, mit dessen Hilfe ihr zum Beispiel Felsbrocken von A nach B transportieren könnt. Wirklich bestechen tut das Downloadspiel aber durch seinen wirklich schönen Grafikstil, der ihm außerdem einen gewissen Wiedererkennungswert verleiht. Nebenstehend seht ihr einen Screenshot des Spiels.
Kommen wir nun zu zwei Spielen, die vor allem den Core-Gamer (wer auch immer das sein mag, dem Thema widmen wir uns vielleicht mal in einer anderen Kolumne) interessieren dürften. Da wäre zum einen Mirror’s Edge aus dem Hause Electronic Arts, we
lches sich damals leider nicht so gut verkaufen konnte, wie es sich der Publisher erhofft haben mag. Ja, die einzelnen Stages waren überraschend linear aufgebaut. Ja, die Story des Spiels war weder besonders lang, noch besonders komplex. Es ging um die dystopische Zukunftsvision einer Stadt, in welcher der gesamte Informationsfluss von der Regierung kontrolliert wird. Wer also unerkannt Nachrichten übermitteln möchte, wendet sich an die Runner - Kuriere, die über die Dächer der Stadt rennen und an der schmalen Grenze zwischen Legalität und Illegalität operieren. Nachdem ein populärer Kandidat für das Amt des Bürgermeisters ermordet wird, gelangen Faith (in deren Rolle ihr schlüpft) und ihre Schwester Kate ins Fadenkreuz der Ermittlungen. Als Kate verhaftet wird, versucht Faith, sie aus der Gefangenschaft zu befreien. Ihr seht, die Story ist, auf der Metaebene betrachtet, eigentlich relativ flach. Was das Spiel ausgemacht hat, war – natürlich neben dem vorher noch nie dagewesenen Free-Running-Gameplay – vor allem seine primärfarbenlastige Optik. Es schien, als wäre die gesamte Stadt nur in den Farben rot, weiß, gelb und blau dargestellt.
Ein weiteres
Beispiel ist das diesen Sommer veröffentlichte Deus Ex: Human Revolution. Auch wenn das Prequel der einst so erfolgreichen Action-Reihe nicht mehr direkt von Warren Spector kam, erfreute sich das Spiel dieses Jahr großer Beliebtheit. Die Geschichte handelt von Adam Jensen, einem Ex-SWAT, der nach einem missglückten Einsatz als Sicherheitsmann bei der Firma Sarif Industries arbeitet. Sarif forscht vor allem an kybernetischer KI, also Technologie, die Mensch und Maschine verbinden soll. Diese humanen Augmentierungen sind ein zentrales Element des Spiels - denn eines Tages fordern Demonstranten von der Regierung eine strikte Reglementierung des Einsatzes solcher Technologien. Wenig später wird die Firma überfallen, wobei Jensen schlussendlich schwer verwundet und dann - zunächst gegen seinen Willen - mittels der besagten Technologien wieder „repariert“ wird. Das Spiel sei euch an dieser Stelle übrigens sehr empfohlen, es gibt meiner Meinung nach wirklich nur wenige Schwachstellen. Sein Reiz besteht darin, dass ihr vor jeder Mission selbst entscheiden könnt, ob ihr eher taktisch oder eher actionorientiert vorgehen wollt. Aber ich schweife ab. Optisch zeichnet sich Deus Ex 3 dadurch aus, das alles mit einem gewissen Goldschimmer überzogen ist, wodurch nebenbei auch die mechanischen Elemente an Jensens Körper noch einmal hervorstechen. Auch hierdurch hat der Titel einen gewissen Wiedererkennungswert gegenüber einem Modern Warfare 3 oder einem Splinter Cell Conviction – wobei Letzteres ja wieder seine eigenen stilistischen Elemente verfolgt - etwa, dass Missionsziele an der Wand erscheinen oder eine Silhouette von euch aufblitzt, die euch zeigt wo euch der Feind gerade vermutet.
Schönheit ist nicht alles
Doch bei allen optischen Reizen darf eines nicht vergessen werden. Denn wie schon bei der Partnersuche gilt: Schönheit ist nicht alles, auch auf die inneren Werte kommt es an. Das wird vor allem bei El Shaddai deutlich. Das biblisch inspirierte Vollpreisspiel sieht optisch nett aus, vor allem am Anfang ist aber das Gameplay merklich auf der Strecke geblieben, sodass das Spiel teils seltsam anmuten mag, und zwar leider nicht immer im positiven Sinn. Man sollte also nie vergessen, dass Videospiele nie „nur“ Kunstwerke sind, sondern auch – manche mehr, manche weniger – immer noch Videospiele. Das gilt übrigens auch für Story-fokussierte Titel wie Fahrenheit oder Heavy Rain – vor allem Alan Wake konnte stilistisch, storytechnisch, aber langfristig leider nicht spielerisch überzeugen. Aber das nur am Rande. Selbstver
ständlich vermitteln Titel, die vor allem durch ihre auffällige Grafik vermarktet werden ein etwas anderes Spielgefühl – meist möchte man sich zurücklehnen und genießen – doch das ändert nichts daran, dass es sich am Ende immer noch um Spiele handelt.
Es geht natürlich auch umgekehrt: Gerade im Indiegenre gibt es sehr viele Vertreter, die vor allem durch ihr Gameplay anstatt durch ihr Aussehen punkten können. Das beste Beispiel hierfür dürfte wohl Minecraft sein. Es gibt etliche Gamer auf dieser Welt, die sehr viel Energie in diesen Titel stecken und zum Beispiel den Todesstern in Originalgröße nachbauen – und das, obwohl das Spiel an sich alles andere als gut ausschaut. Auch hier zeigt sich, dass Grafik nicht alles ist, sondern das eigentliche Spielen im Vordergrund steht.
Schattenspiele: Minimalismus pur
Widmen wir uns abschließend aber noch einmal Limbo. Natürlich darf man hier anmerken, dass die Haupthandlung weder besonders lang, noch besonders tiefgründig ist. Ein Junge wacht im Wald auf und – Achtung, SPOILER – begibt sich auf die Suche nach seiner Schwester – SPOILER-ENDE. Weiters könnt ihr das Spiel locker an einem Nachmittag durchspielen. Andererseits weiß ich nicht, ob eine 10-Stunden-Story hier angemessen wäre, denn schließlich ist Minimalismus auch als wesentliches Spielelement von Limbo zu betrachten, etwa bei der schlichten, schwarz-weißen Scherenschnittoptik, die vor allem aufgrund ihrer Einfachheit zu gefallen weiß. Und die das Spiel schon auf den ersten Blick aus der Masse empor stechen lässt, weshalb auch viele Gamer bei der bloßen Nennung des Begriffs schon etwas damit anzufangen wissen. (JG)
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Kommentare
am 31.12.2011 um 12:56 von Puka
Ich hätte schon nach dem Lesen des Titels 'Nein' geantwortet =)
Danke für den guten Artikel. Er sieht die Spiele auf eine andere, sehr interessante Weise an.
Und das mag ich ;P
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